Wenn Kinder nachts einnässen
Obwohl wir in einer aufgeklärten, toleranten Gesellschaft leben, ist das Einnässen bei Kindern über drei Jahren noch immer ein Tabuthema, über das betroffene Familien schweigen. Andere werden für Ihre Offenheit bestraft, sie stoßen bei Bekannten und Freunden auf Unverständnis und ausweichendes Verhalten dem Thema gegenüber. Eltern fühlen sich in einer solchen Situation oft allein gelassen. Dabei gehört das Einnässen zu den häufigsten Störungen im Kindesalter. Nachts nässen etwa 25 Prozent der Vierjährigen ein. Bei jährlich 15 Prozent erledigt sich das Problem ohne Therapie.
Die erste Anlaufstelle für besorgte Eltern sollte der Kinderarzt sein. Dieser kann gegebenenfalls an einen auf Kinder spezialisierten Urologen überweisen. In der medizinischen Fachsprache wird das nächtliche Einnässen bei älteren Kindern, die bisher nie trocken waren, als primäre Enuresis bezeichnet. Diese kann organische Ursachen haben, die anhand verschiedener Untersuchungen ausfindig gemacht werden können. Mit Hilfe von Urin- und Blutuntersuchungen werden Infektionen ausgeschlossen. Eine körperliche Untersuchung, ergänzt durch eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und Harnwege, gibt Aufschluss über mögliche Fehlbildungen der Organe. Oft lässt der Arzt auch ein so genanntes Miktionsprotokoll erstellen, in dem die Häufigkeit des Wasserlassens und die Urinmenge zwei bis drei Tage lang exakt notiert werden. Ergänzend sollte ein Trinkprotokoll geführt werden. So können die beiden häufigsten körperlichen Ursachen des Einnässens untersucht werden: Die Aufnahmefähigkeit der Blase kann zu gering sein, oder die Harnproduktion nachts zu groß. Die Aufnahmefähigkeit der Blase kann jedoch gesteigert werden; Wird zu wenig getrunken, fehlt der Blase der Reiz zu wachsen. Wird tagsüber nicht genug getrunken und dies abends nachgeholt, führt das zu viel nächtlichem Urin. Neben einer ausreichenden Trinkmenge, die über den Tag verteilt wird, ist eine Behandlung mit Medikamenten möglich. Übersteigt der Wert des Kindes die altersgemäße Blasenkapazität, so lässt das einen Mangel am antidiuretischen Hormon (ADH) vermuten. In der Folge kann bis zu doppelt so viel Harn produziert werden wie üblich. Dies lässt sich anhand des so genannten Windeltests überprüfen. Das Kind trägt zwei Nächte lang Windeln, welche dann gewogen werden.
Eine andere Ursache kann sein, dass die kleinen Patienten so fest schlafen, dass sie nicht wach werden, wenn sie auf Toilette müssen. Hier können Klingelhosen weiterhelfen. Sie wecken das Kind bei den ersten Tropfen. Wenn doch mal etwas in die Hose geht, darf das Kind auf keinen Fall unter Druck gesetzt werden. Das ist schwierig, denn selbst aufgeklärte, liebevolle Eltern zweifeln oft an sich selbst. Sie machen sich Vorwürfe, überlegen, welche Erziehungsfehler sie gemacht haben könnten, oder ob sie dem Kind zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Dabei liegt auch häufig eine genetische Ursache dem Einnässen zugrunde. 60 bis 80 Prozent der betroffenen Kinder sollen medizinischen Untersuchungen zufolge mit Personen verwandt sein, die selbst lange eingenässt haben, oder es immer noch tun.
Die betroffenen Kinder stehen unter von mehreren Seiten unter Druck: Sie empfinden mit steigendem Alter das nächtliche Einnässen als immer peinlicher. Ausscheidungen sind in der Gesellschaft noch immer negativ behaftet. Selbst Eltern, die sich als aufgeklärt empfinden und ihrem Kind die nötige Zeit zum “trocken werden” gelassen haben, ertappen sich oft bei einer Intoleranz dem Einnässen gegenüber. Hinzu kommt, dass sich Kinder, die die Windelphase überwunden haben, erwachsener fühlen - vor allem denjenigen gegenüber, die noch Windeln tragen. Macht ein Kind nachts ins Bett, wird es oft von anderen dafür gehänselt. Dies kann im Buhlen um die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern auch unter Geschwisterkindern vorkommen. Je älter das betroffene Kind ist, um so größer wird auch der Druck von Außen. Rund 10 Prozent der Siebenjährigen und 1-2 Prozent der Jugendlichen nässen nachts ein. Insgesamt sind doppelt so viele Jungen wie Mädchen betroffen.
Tagsüber nässen 2-3 Prozent der Siebenjährigen und unter 1 Prozent der Jugendlichen ein. Diese, als Enuresis diurna bezeichnete Form des Einnässens kann noch einmal situativ unterschieden werden. Es gibt das Spielnässen und das Konfliktnässen. Bei erstem ist das Kind so in sein Spiel vertieft, dass es den Harndrang nicht wahrnimmt. Beim zweitem ist das Einnässen oft die Folge eines vorangegangenen Konflikts mit Erwachsenen oder anderen Kindern.
Neben der primären Enuresis bezeichnen Mediziner als sekundäre Enuresis, wenn ein Kind bereits trocken war und nun “rückfällig” wird. Dies hat in der Regel psychische Ursachen, welchen unbedingt auf den Grund gegangen werden sollte. Nässt ein Kind nachts regelmäßig ein, sollten Eltern entsprechende Vorkehrungen treffen, damit der dadurch entstehende Stress so gering wie möglich gehalten wird. Eine wasserdichte und zusätzlich eine saugfähige Unterlage im Bett gehören zur Grundausstattung, genau wie Wechselwäsche in Bettnähe. Auch wenn das Kind älter ist, sollte das Thema Windeln angesprochen werden. Dabei ist wichtig, dass Eltern ihrem Kind die Windeln nicht vorschreiben, sondern lediglich vorschlagen. Wenn dem Kind Windeln für Erwachsene vorgeschlagen werden, fühlt es sich von dem Gedanken Windeln tragen zu müssen vielleicht weniger gedemütigt.Im Übrigen haben Untersuchungen zufolge sogar etwa 1 Prozent der Erwachsenen ihre Blase nachts nicht unter Kontrolle. Demnach leiden rund 800.000 Menschen in Deutschland unter nächtlichem Einnässen.
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